Ethik-Reli-EP-Projekt 2019

Besuch religiöser Stätten und Expertengespräche mit Vertretern unterschiedlicher Weltanschauungen

 

 

Wir schon in den vergangenen Jahren haben die Ethik- und Religionskurse der EP auch diesmal wieder ein Projekt zum interkulturellen Austausch durchgeführt. Durch den Besuch religiöser Stätten verschiedener Religionen und durch einen intensiven Austausch nicht nur der Schüler untereinander, sondern auch mit Vertretern verschiedener Weltanschauungen sollte das Wissensspektrum erweitert, aber auch der je eigene Toleranzhorizont ausgelotet und gegebenenfalls herausgefordert werden.

 

Jeder Kurs besuchte dabei zunächst vier religiöse Stätten, wobei wie in jedem Jahr zunächst noch die großen monotheistischen Religionen im Zentrum standen, da viele unserer SchülerInnen einer von diesen angehören oder aus diesem Kontext stammen. Die Offenbacher Synagoge sit dabei ein bewährtes Ziel, welche Kirche welcher Prägung und welche Stätte welcher islamischen Strömung aufgesucht wird, wird aber jedes Jahr neu abgewogen. Ergänzt wird diese Auswahl durch den Besuch einer weiteren Stätte einer anderen Religionsform.

 

(Da uns von den diesjährigen Besuchen leider (mit einer Ausnahme, siehe Schüplerbericht unten) keine Bilder vorliegen, präsentieren wir im folgenden - nicht weniger exempülarisch - ein paar Fotos aus dem letztjährigen Durchgang:)

 

 

Besuch der Offenbacher Synagoge mit Begrüßung durch Rabbi Mendel Gurewitz und Vorstellung jüdischen Lebens durch Benni Pollack.
Besuch der evangelischen Friedenskirche mit Pfrn. Crüwell.
Besuch des alevitischen Kulturzentrums in Frankfurt mit Herrn Alkan.
Besuch des Tibethauses Frankfurt mit Herrn Ansmann.

 

In diesem Jahr wurden allerdings statt der Friedenskirche die Griechisch-Orthodoxe Kirchengemeinde Prophet Elias in Frankfurt, statt des Alevitischen Kulturzentrums die Nuur Moschee (Ahmadiyya) in Offenbach und statt des Tibethauses der Sikh-Tempel Gurdwara Guru Nanak Darbas besucht.

 

Zu den Expertengesprächen wurden Vertreter auch noch weiterer Weltanschauungen eingeladen, die durch die Besuche zum Teil nicht hatten abgedeckt werden können.

 

Manche Referenten - wie etwa die muslimische Theologin Frau Gonca Aydin, die unter anderem selbst Lehrerin an der Theodor-Heuß-Schule in Offenbach ist - haben sich bewährt, und in manchen Fällen konnten wir in der Vergangenheit auch schon auf eigene Kollegen zurückgreifen, wie etwa im vergangenen Jahr auf Herrn Schaefer als Vertreter des Atheismus und zugleich Repräsentant der Kirche des Fliegenden Spaghetti-Monsters (FSM).

 

 

 

Herrn Schaefers atheistischer Vortrag im letzten Jahr mit Exkursen zum FSM forderte in seiner gewollt provokanten Form manchen Schüler heraus, kam aber in seiner Anschaulichkeit zugleich auch gut an.

 

In diesem Jahr wurden für die Gespräche mit den Schülergruppen allerdings ausschließlich Experten von außerhalb geladen:

 

 

 

Der Philosoph Dr. Thomas Regehly, Archivar der Schopenhauer-Gesellschaft, brachte den SchülerInnen Positionen des deutschen Idealismus nahe.

 

Dr. Thomas Regehly äußerte sich unter anderem zu der Schülerfrage, was denn überhaupt Philosophie sei. Speziell nach Schopenhauer befragt, begegnete Regehly dessen Vereinnahmung durch Rechtsextreme: Schopenhauer sei kein Antisemit gewesen, wie nicht zuletzt seine jüdischen Freunde bewiesen, er habe sich allerdings gegen den Judengott gewandt. Auch das Christentum habe er abgelehnt und grundsätzlich alle Wiedergeburts- und Jenseitsvorstellungen als bloße Legenden abgelehnt, an die aber alle außer den Europäern glaubten.  Das einzig Gute am Christentum stamme für Schopenhauer aus Indien, weil Lehrer aus Indien den zehnjährigen Jesus unterrichtet hätten. Schopenhauer sei für Regehly ein "Buddhaist".

 

 

 

Frau Gonca Aydin, in vielen interkulturellen Gremien und auch im islamischen Religionsunterricht an hessischen Schulen tätige Islamwissenschaftlerin, räumte mit so manchem Vorurteil über muslimisches Leben in Deutschland auf und wies selbsternannte "Haram-Polizisten" unter den SchülerInnen in ihre Schranken.

 

Frau Gonca Aydin stieß im Austausch mit den SchülerInnen vor allem auf viele Fragen und Unsicherheiten bezüglich der alltäglichen Glaubensanwendung. Zum Beispiel kam auch die Koptuchfrage auf, bezüglich derer Frau Aydin darauf hinwies, dass die Kopftuch-Regel sehr wohl eine Auslegungssache sei, da sie im Koran ja nicht erwähnt wird. Behauptungen vieler Menschen dazu, was haram und was halal sei, seien oft gar nicht fundiert, weil die Betreffendenn die entsprechenden Regeln ja gar nicht aus dem Originaltext kennten und häufig auch gar nicht fähig seien, sie dort nachzulesen. Sie mahnte die Schüler diesbezüglich zur Besonnenheit, da sie es sich nicht als ihre Aufgabe anmaßen sollten, über den Lebenswandel anderer zun urteilen.

 

 

Robert Landaka vermittelte den Schülern Grundpositionen des Buddhismus und dessen Implikationen für den Alltag.

 

Robert Landaka referierte die Geschichte des Buddhismus, klärte über die aktuelle Situation auf und fasste die wichtigsten Lehren des Buddhismus zusammen.

 

 

 

Rabbi Mendel Gurewitz von der Offenbacher Synagoge erläuterte jüdisches Leben in Deutschland und speziell in Offenbach.

 

Der Rabbiner Mendel Gurewitz stellte bedauernd fest, dass es Antisemitismus leider in allen extremen Gruppierungen gebe. Er warnte vor Kurzschlüssen wie Jude=Israel=Gewalt=Abzulehnendes und ähnlichen Assoziationsketten und verwies darauf, dass die Juden nur etwa 0,2 % der Weltbevölkerung stellten und der Antisemitismus, der ihnen oft die Schuld an globalen Problemen in die Schuhe schiebe, allein schon angesichts dieser Zahlenverhältnisse absurd sei.

Dass andererseits über 30% der Nobelpreisträger jüdischer Abstammung sei, wofür diese ja nicht zu tadeln sind, sei ein Ausdruck dessen, wie sehr Juden angesichts ihrer verbreiteten gesellschaftlichen Ablehnung sich anstrengen müssten, um zu zeigen, dass sie eben nicht klein und wertlos sind.

Letztlich komme es aber - auch und gerade für einen Juden - nicht darauf an, ein guter Jude zu sein, sondern: ein guter Mensch zu sein.

 

 

Christiane Esser-Kapp stand zu Fragen des christlichen Lebens, insbesondere aus protestantischer Perspektive, Rede und Antwort.

 

Christiane Esser-Kapp wurde unter anderem dazu befragt, welche Bedeutung - bei zunehmender Säkularisierung - das Christentum heute noch im Alltag habe. Ihrer Ansicht nach habe das Leben aus christlicher Perspektive ein Ziel, was ihr die Angst vor dem Tod nehme und sie davor bewahre, sich unablässig mit der Frage herumquälen zu müssen, was dereinst nvon ihr zurückbliebe.

 

 

Gurpreet Singh erläuiterte die Besonderheiten eines Lebens als Sikh.

 

Gurpreet Singh klärte über die Sikh-Religion auf und konstatierte, die konkjrete religiöse Praxis sei in den verschiedenen Tempeln überall unterschiedlich. Allerdings gehe es grundsätzlich um ein Erkennen des Schöpfers durch Meditieren. Zugleich sei die Sikh-Religion aber nicht lebensfremd, sondern in gewisser Weise lebensbejahend, denn es werde gelehrt, dass man den Schöpfer selbst im Tod nicht erkennen könne, wenn man ihn im Leben nicht erkannt habe. Leben sei dabei die Praxis, die Schriften gäben den Lebensweg vor. Die Lebensbejahung habe dabei aber durchaus Grenzen, denn Partymachen etwa sei destruktiv für die Meditation.

Grundsätzlich erhebe die Sikgh-Religion, so Singh, aber keinen Exklusivanspruch auf das Gute und Wahre. Vielmehr sei alles, was sich mit Gott, dem Universum, dem Guten beschäftige, auch wenn es nicht im Rahmen der Sikh-Religion geschehe, positive Lehre.

 

 

 

Martin Wagner vom Frankfurter Gottlosen-Stammtisch machte deutlich, dass man sehr wohl sehr gut auch ohne Religion ein gutes Leben führen und glücklich werden kann.

 

Martin Wagner, unter anderem Initiator des "Gottlosen-Stammtisches" in Frankfurt, sah seine Aufgabe darin, die SchülerInnen ganz bewusst und programmatisch mit harten Sätzen, wie er sagte, zu konfrontieren.

So stellte er zum Beispiel fest, es gebe keine dummen Fragen, sehr wohl aber falsche. Zum Beispiel gebe es nichts nach dem Tod und auch keinen Sinn des Lebens, deshalb müsse man danach auch gar nicht erst fragen. Daraus folge aber nicht, dass ein Atheist ein sinnloses Leben führen müsse, vielmehr könne er seinem Leben selbst einen Sinn geben, und dies zudem völlig frei.

Religionen lehne er zudem nicht nur inhaltlich, sondern auch in sozialer Hinsicht ab. Wie die Geschichte deutlichj zeige, seien Reliogionen nichts anderes als Mechanismen männlichen Herrschaftsanspruches.

Während manche SchülerInnen sich schwer taten damit, sich auf eine solche Denkweise einzulassen, waren andere (wie auch schon bei Herrn Schaefer im Vorjahr) froh darüber, dass bei den Expertengesprächen auch eine solche Position vertreten war.

 

 

  

  

Insgesamt boten die Exkursionen und die Expertenrunden gute Anlässe zum Austausch über unterschiedliche Weltanschauungen, dazu, auch mal über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen und sich auf neue Perspektiven einzulassen.

 

 

Obgleich das soziale Miteinander und die weltanschauliche Toleranz bei unserer OberstufenschülerInnen im Allgemeinen gut ausgeprägt ist, ist die Optimierung derselben wie für alle Menschen doch immer ein unablässiger Prozess, den ein solches Projekt durchaus befördern kann und will.

 

 

Die Leibnizschule versteht ihre Schulgemeinschaft in diesem Sinne (auch als Spiegel der größeren Pendants) als von einem lebendigen und toleranten Diskurs geprägte offene Gesellschaft (im Sinne von Apel und Habermas, aber durchaus auch schon im Sinne Leibnizens als Verfechter einer "unitas in multitudine", wie wir sie schon oft beschworen haben und weiter zu beschwören nicht müde werden werden).

 

 

Angesichts der guten Erfahrungen, die wir mit unserem EP-Projekt über die Jahre gemacht haben, werden wir dieses Projekt auch sicherlich in den kommenden Jahren weiter durchführen und hoffen und freuen uns schon auf künftige gute Informations- und Gesprächsrunden im interkulturellen und weltanschaulichen Austausch.

 

 

 

(Blu)

 

 

 


 

 

 Im Folgenden wollen wir - exemplarisch - noch zwei Schülerstimmen zu Wort kommen lassen:

 

 


 

 

 

Im Rahmen des Projekts „Heilige Stätten“ haben wir, die Religionskurse von Herrn Woll und Frau Bodenstein am 31.1.2019 zwei verschiedene religiöse Stätten in Frankfurt besucht.

 

Zunächst waren wir in der griechisch-orthodoxen Kirche des Propheten Elias, wo wir vor allem viel über die Gestaltung des Gebäudes und die Bedeutung und Geschichten hinter den zahlreichen Wandmalereien gelernt haben.

 

Außerdem wurden uns die prägnanten Unterschiede zu unserer Kirche erläutert, welche dieser im Großen und Ganzen jedoch sehr ähnelt.

 

Später haben wir die Nuur-Moschee einer Ahmadiyya-Gemeinschaft besucht und konnten mehr über den Islam erfahren und schließlich in eine teilweise kontroverse Fragerunde einsteigen. Besonders interessant waren Antworten auf Fragen zu Homosexualität, dem Frauenbild und der Gefahr der Radikalisierung.

 

Insgesamt hat uns der Ausflug einen ausführlichen Einblick in beide Religionen verschafft und zu Denkanstößen veranlasst.
  

  
Rosa Wolff

  

  


  

 

  

„Heilige Stätten“-Nuur Moschee in Frankfurt

  

 

Am Donnerstag, den 31.Januar 2019, waren die beiden Religionskurse -evangelisch und katholisch- zu Besuch in der Nuur Moschee in Frankfurt am Main, die Teil der Ahmadiyya Muslim Jamaat Gemeinde ist. Diese Gemeinde versteht sich als Reformgemeinde, wobei mit Reform hier gemeint ist, dass sie versuchen zu den Wurzeln des Islams zurückzukehren. Nachdem wir eingetreten sind und unsere Schuhe in ein Regal gelegt haben sind wir an einer Sammlung von Büchern, die versuchen durch Aufklärung gegenüber dem Islam zu Vorurteile abzubauen. Dies kann auch durch Ironie passieren, wie beispielsweise bei einem Buch mit der Schlagzeile „(s)ollte man Angst haben vor der Religion des Friedens?“ Danach wurden wir  über die oben genannte Besonderheit und verschiedene weitere, wie beispielsweise, dass die Nuur Moschee die zweitälteste Moschee Deutschlands, gebaut im Jahr 1959, und die älteste in Frankfurt,  aufgeklärt. In der anschließenden Fragerunde konnten wir viele weitere Dinge herausfinden,  von denen ich nun einige erläutern werde. Obwohl viele diesen Glauben haben, haben Frauen und Männer nicht getrennte Gebetsräume, weil die Frauen den Männern unterzuordnen sind, sondern damit die Frauen sich hierbei mehr von den Männern emanzipieren können. Des Weiteren ist es auch der Fall, dass es innerhalb der Ahmadiyya Gemeinde neben einer Männer- und einer Jugendorganisation auch eine Frauenorganisation gibt, durch die für Frauen ein eigenes Gebetshaus, das nicht im Bild unten sichtbar ist, direkt hinter der ursprünglichen Moschee, gebaut wurde.

 

 

  

Dieses Gebäude wurde erst vor kurzer Zeit fertiggestellt. Es wurde gebaut, weil der ursprüngliche Platz neben dem, wo die Männer beten, durch einen Vorhang abgetrennt, zu klein wurde. Die neue Gebetsfläche sieht der der Männer sehr ähnlich. Wie uns erklärt wurde, soll die Scharia die Moralvorstellung des Korans sein, da es aber doch schwer ist eine Interpretation des Korans zu liefern, die keinem anderem Vers widerspricht, gibt „die Scharia“ als Buch oder ähnliches nicht. Wegen ihrer „Reform-“stellung werden Ahmadiyya Muslime in vielen Ländern verfolgt. Ein Beispiel, das er nannte, war Pakistan, wo Ahmadiyya Muslime sich nicht als Muslime bezeichnen dürfen und sogar nicht einmal einen Koran besitzen dürfen. Da der Koran aber besonders wichtig ist im Islam, wird es schon durch diese Maßnahme stark erschwert   seinen Glauben als Ahmadiyya Muslim zu leben. Durch solche und noch schlimmere Verfolgungen ist es Muslimen, bei denen sogar im Pass steht, dass sie der Ahmadiyya Gemeinde angehören, unmöglich die Reise nach Mekka überhaupt das eine vorgeschrieben Mal durchzuführen. Der Imam vor Ort hat auch davon erzählt, wie er verschiedenen Islam Gegnern/Extremisten gezeigt hat, dass ihre Ansichten falsch sind. Dabei hat er vor allem theologisch argumentiert.
Teilweise sind diese gar nicht darauf eingegangen, teilweise hat sich aber auch gezeigt, dass es mehr Angst vor dem Unbekannten ist. Zuletzt wurden wir zu einem kleinem Empfang, mit Chips kleinen Croissants und etwas Capri-Sonne, eingeladen. Zuletzt wurde uns dann das Gebetshaus der Frauen gezeigt.
  

  
Text: Kolja Hegmann; Überarbeitung: Aurel Czaja