Walter Ponseck: Schätze – Schmodder – Scherben

Was früher so Menschen alles versteckten...

 

Als ein Paradebeispiel für lebenslanges Lernen hat Walter Ponseck, ehemaliger Lehrer der Leibnizschule, seinen sogenannten Ruhestand dazu genutzt, in Ergänzung zu seinen bereits fünf(!) Unterrichtsfächern noch eine weiteres Fach zu studieren: die Archäologie.

Immer schon ein begeisterter Erzähler alles dessen, wofür er sich interessiert, ließ er interessierte SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern seiner alten Wirkungsstätte nur allzu gern an seinen Überlegungen zu einem Gegenstand teilhaben, dessen Erforschung manches Hindernis, man könnte auch sagen, manche Blockade, im Wege steht...

 

Ihn treibt es um, warum - wohl zu allen Zeiten, besonders scheinbar aber in der mittleren sowie in der späten Bronzezeit - Menschen (Wikinger, später auch andere) durchaus noch funktionsfähige und durchaus auch wert- und kunstvoll erscheinende Gegenstände des (mehr oder weniger) alltäglichen Gebrauchs als etwas, dass Walter Ponseck unter dem Begriff „Schmodder“ zusammenfasst, entsorgten.

Dabei geht es ihm weniger um Depots, in denen Wertgegenstände und Geld, kultische Objekte und Waffen für den späteren Gebrauch gelagert oder vor Feinden versteckt wurden, wie Hagen mit dem Nibelungenschatz verfuhr.

 

 

Johannes Hirts seit 1905 am Rheinufer bei Worms stehende Bronzeplastik zeigt Hagen beim Versenken des Nibelungengoldes im Rhein.

 

Vielmehr fragte sich Walter Ponseck, warum durchaus brauchbare Gegenstände zum Teil aufwendig zerstört und damit äußerst gezielt unbrauchbar gemacht werden, indem zum Beispiel Schwerter ziehharmonikaartig gefaltet werden, um sie dann oft ebenso aufwendig und nicht selten außerhalb der Siedlungsbereiche zu entsorgen.

 

 

Walter Ponseck erläutert, welche ungewöhnliche Fundstellen Horte für Archäologen darstellen...

 

Auffällig ist, dass den nicht-hortbildenden alten Griechen, deren religiöse Kultur man kennt, in Europa zahlreiche hortbildende Kulturen gegenüberstehen, deren Religion man nicht kennt.

Angesichts dessen, dass griechische Schatzhäuser, in denen sich die unterschiedlichsten Gegenstände als Opfergaben für die Götter im Lauf der Zeit anhäuften, regelmäßig freigeräumt wurden, drängt sich die Frage auf, ob das, was Menschen dazu veranlasst, Gegenstände zu entwerten und für immer verschwinden zu lassen, nicht vielleicht auch religiöser Natur ist.

Walter Ponseck, der es liebt, unkonventionelle Thesen aufzustellen, entwickelt vor den gespannt lauschenden Zuhörern die Idee, dass es um Art innerer durch äußere Reinigung geht, bei dem „mehr oder weniger (materiall oder ideell) Wertvolles nicht Göttern geopfert, sondern in einem symbolischen Akt zerstört wird, um sich davon zu befreien“.

 

 

Querdenker Ponseck sucht nach analogen symbolischen Akten in der Gegenwart - und wird überall fündig...!

 

Walter Ponseck sucht und findet vergleichbare symbolische Befreiungsakte überall in unserer Gegenwart. Beispielhaft verweist er auf die Sitte, Münzen in Brunnen zu werfen, Geld anzuzünden, Gebäude mit Graffitis zu bemalen und damit in ihrer Funktion zu entwerten, oder bei Polterabenden oder anderen Gelegenheiten Steingut zu zertrümmern.

 

Es sei  viel Raum für Spekulationen offen, betont der Walter Ponseck und zeigt sich verwundert, wenn nicht bestürzt von der Vorsicht der meisten Wissenschaftker bei der Formulierung neuer Thesen „bis hin zu einer beeindruckenden Selbstverleugnung“.

Er selbst empfiehlt, offen zu bleiben für unkonventionelle Interpretationsansätze und durch den vergleichenden Blick auf verschiedene Kulturen sowie durch den Vergleich früherer Sitten und Gebräuche mit heutigen sich neue Deutungsspielräume zu eröffnen.

 

Vielleicht auch in diesem Sinne ließen sich Verse Goethes lesen, die er seinen Faust in jener (ebenfalls im Vortrag erwähnten!) Szene aus der Tragödie Zweitem Teil (Vs. 6111-6118) sprechen lässt, in der es darum geht, allein durch den Verweis auf potentiell noch zu entdeckende im Boden vergrabene Schätze Geld zu generieren.

 

Das Uebermaß der Schätze, das, erstarrt,
In deinen Landen tief im Boden harrt,
Liegt ungenutzt. Der weiteste Gedanke
Ist solches Reichthums kümmerlichste Schranke;
Die Phantasie, in ihrem höchsten Flug,
Sie strengt sich an und thut sich nie genug;
Doch fassen Geister, würdig tief zu schauen,
Zum Gränzenlosen gränzenlos Vertrauen.

 

Anders aber als der Kaiser und sein Hofstaat, die sich mit der Potentialität dieses Konstrukts zufriedengeben, wird der Archäologe ganz real weitergraben und neugierig sich über Funde alter Kulturschätze beugen, um seine Phantasie von ihnen anregen und neue Gefilde eröffnen zu lassen.

 

 

Mit solch inspirierenden Ideen entließ uns Walter Ponseck mit dem letzten Vortrag der letzten Serie der Ringvorlesung im Juni in die Sommerferien; jetzt startet am Di., 27.11. mit einem Vortrag von Jorgos Bakalakos über Bitcoins und Blockchain die aktuelle Reihe.

Da es auch hier immer wieder Neues und Interessantes zu erfahren gibt, können wir vielseitig Interessierten und fantasievollen Mitgliedern der Schulgemeinschaft nur wärmstens empfehlen, diesen Termin und die Folgetermine nicht zu verpassen...!

 

 

 

(Blu)