Butterfly-Aid

Versuch einer Überwinterungshilfe für ein Taubenschwänzchen

 

Am 25.10.2018 wiesen Schüler seiner Klasse 6c Herrn Blume darauf hin, dass sie während der Fünfminutenpause ein Taubenschwänzchen im Dachgeschoss des Altbaus hätten umherschwirren sehen.

Gleichermaßen erstaunt darüber, dass die Schüler wussten, was ein Taubenschwänzchen ist (welcher Normalbürger weiß das schon!?), wie verblüfft darüber, dass ein solches Ende Oktober noch zu sichten sein sollte, ging Herr Blume der Sache nach.

Tatsächlich fand er, den Hinweisen der Schüler folgend, das Tier im Treppenhaus im Obergeschoss wieder und auch, dass die Schüler mit ihrer Artbestimmung richtig lagen (Bravo dafür!): Das Taubenschwänzchen nennt man wissenschaftlich Macroglossum stellatarum, was sinngemäß etwa soviel bedeutet wie „An Labkraut sich labender Langzüngler“. Man könnte auch denken, gemeint sei „Funkelnder Langzüngler“, im Englischen würde man wohl sagen „glittering“, denn so könnte man ihn durchaus bezeichnen insofern, als dieser Schmetterling mit einer Flügelschlagfrequenz durch die Luft schwirrt, die ihresgleichen sucht. Wie ein Kolibri steht das Taubenschwänzchen dabei sekundenlang vor einer Blüte nach der anderen in der Luft, obwohl es sich bei ihm bei weitem nicht um einen Vogel handelt, sondern um einen Schmetterling. Tatsächlich verlangt der Gattungsname hier aber nicht nach einer Übersetzung (im Sinne von bestirnt oder sternenhaft funkelnd), sondern verweist schon seit der 1758 erfolgten Erstbeschreibung des Falters durch Carl von Linné auf eine Nahrungspflanze der Raupen, das Labkraut Galium spec., das zur Familie der Rötegewächse (Rubiaceae) gehört, die man früher noch Stellatae nannte. Warum der Artname aber „macroglossum“ lautet, wird jedem klar, der schon einmal gesehen hat, wie dieses faszinierende Insekt seinen laaaaangen Rüssel ausrollt und damit aus durchaus einer gewissen Distanz Nektar vom Boden der Blüten saugt.

 

 

In Ruhe wirkt das Taubenschwänzchen ganz unscheinbar, offenbart aber deutlich die Ursache für seinen deutschen Namen...

 

Der deutsche Name bezieht sich auf das in Färbung und (ob seiner wie Befiederung wirkenden „Behaarung“) Struktur an den tatsächlich an einen Taubenschwanz erinnernden Hinterleib des Schmetterlings, das dabei aber ob seiner allerdings deutlich geringeren Größe das Diminuitiv durchaus verdient hat.

 

Das Beeindruckendste an diesem Tier sind seine Flugleistungen. Selbst in (einer normalen) Zeitlupe verwischen die einzelnen Flügelschläge, so schnell ist (mit 70-90 Schlägen pro Sekunde!) die Frequenz.

 

 

Mit dem Taubenschwänzchen von Angesicht zu Angesicht...

 

Doch damit nicht genug, gehört dieser Schwärmer zu den wandernden Schmetterlingsarten und zieht über weite Strecken, wobei die bis zu 80 km/h, die er im Distanzflug erreichen kann, sicherlich hilfreich und notwendig sind, wenn er für eine Strecke von 3000 Kilometern kaum zwei Wochen benötigt.

 

Ursprünglich aus wärmeren Gebieten rund um das Mittelmeer stammend, dringt das Taubenschwänzchen inzwischen (vermutlich infolge der Klimaerwärmung) immer häufiger in die nördlicheren Breiten Europas vor und schafft es inzwischen immer besser, hier auch zu überwintern.

 

 

Das Taubenschwänzchen (erneut in Zeitlupe) in (dorsaler) Aufsicht...

 

Genau da begannen nun aber die Probleme unseres Leibnizschul-Altbau-Taubenschwänzchens: Wie viele Insekten, denen es draußen zu kalt wird, suchte es vermutlich den Schutz des Gebäudes vor der Witterung, um bessere Überwinterungschancen zu haben. Die Mauern unserer Gebäude schützen die Florfliegen, Marienkäfer, Schmetterlinge und anderen überwinternden Insekten dabei vor Wind und Niederschlägen. So weit, so gut. Die Tierchen setzen sich irgendwo an eine Wand und stören uns nicht weiter. Sie fahren den Stoffwechsel runter und „pausieren“ einfach mal bis zum Frühjahr, um dann zu neuem Leben zu erwachen und sich wieder in die Lüfte zu schwingen.

Problematisch wird es aber, wenn die zur Überwinterung aufgesuchten Räume beheizt sind - so wie selbst unsere Flure im Obergeschoss des Altbaus. Dann trocknen die armen Kleinen nämlich aus!

Was also tun?

Man erhöht die Lebenschancen eines solchen Insekts, wenn man es vorsichtig in einen unbeheizten Dachstuhl oder in einen unbeheizten Kellerraum verfrachtet. Allerdings muss es dür das Insekt eine Möglichkeit geben, aus diesem Raum auch wieder selbst zu entweichen, sobald es im Frühjahr wieder wach wird, damit es sich dann direkt auf Nahrungssuche begeben und seine über den Winter aufgebrauchten Energiereserven wieder auffüllen kann.

 

 

Herr Blume fing das Taubenschwänzchen und setzte es im Uhrtürmchen wieder aus...

 

Im Falle des Altbaus der Leibnizschule war die Lösung klar: Der Falter musste ins Uhrtürmchen verbracht werden! Dort ist er hinreichend genug vor der Witterung geschützt und zugleich keiner tödlichen Heizungsluft ausgesetzt.

Kurzerhand fing Herr Blume den Falter ein und entließ ihn ins Gebälk des Uhrtürmchens, aus dem er, wenn es draußen wieder warm wird, nachdem er hoffentlich wieder erwachen wird, problemlos durch diverse Lücken (die kein Zeichen unsachgemäßer Dachbedeckung sind, sondern bei einem (zumal so alten) Schindeldach normal sind) wieder in die Freiheit entkommen kann...

Wir wünschen ihm dafür viel Glück!

 

Den SchülerInnen der 6c danken wir für ihre Aufmerksamkeit und beglückwünschen sie zu ihrer Fachkundigkeit! Dank Euch hat dieser Schmetterling eine echte Überlebenschance!!!

 

In diesem Sinne wünschen wir dem Falter und uns allen einen Winter, der nicht all unsere Kräfte aufzehrt, sondern uns voller Tatendrang in ein neues Jahr wird starten lassen...

 

 

 

(Blu)