Klassenrat im Radio

hr-Info berichtet aus der Leibnizschule über ein Instrument demokratischer Teilhabe der Schülerschaft

 


Im März 2017 wurde ich seitens des Staatlichen Schulamtes in meiner Funktion als Stadtschulsprecherin zu einer Schulleiterdienstversammlung eingeladen, wo ich die Freude hatte Herrn Siefert kennenzulernen, der beim Hessischen Rundfunk arbeitet und die Versammlung moderierte.


Im Fokus der Veranstaltung stand das Thema „Religiöser Extremismus“, die Ursachen dahinter und wie man im Bereich Schule präventiv dagegen handeln kann.

Während der Versammlung wurden Begriffe wie „Demokratieerziehung“ und „Demokratiebildung“ sehr oft in den Raum geworfen. Gerade als es um die Frage ging, wie man am besten (praktisch) einer Radikalisierung vorbeugen kann, kam die Antwort, dass man das Demokratiebewusstsein bei Schüler*innen stärken und ihnen mehr Vertrauen schenken müsse, damit Schüler*innen sich ernstgenommen und akzeptiert fühlen.
Herr Siefert hat in seiner Moderation erwähnt, dass er mit einigen Schulen in Kontakt stünde, welche versuchen würden, Wege und Möglichkeiten auszuprobieren, um mehr und bessere demokratische Strukturen an ihrer Schule zu verankern. Dabei würden Eltern, Schüler*innen und Lehrer*innen zusammenarbeiten, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.
An diesem Punkt ist mir sofort der Klassenrat, den neben anderen Lehrer*innen Frau Stadler regelmäßig mit ihrer Klasse veranstaltet, eingefallen. Der Klassenrat bietet Schüler*innen die Möglichkeit sich aktiv am Geschehen in der eigenen Klasse zu beteiligen, demokratisch mitzubestimmen und sich eigenständig gemeinsam mit den Mitschüler*innen zu organisieren.

Dies ist ein richtiger und wichtiger Schritt hin zu einem partizipativen und demokratischen Schulalltag, welcher Spaß macht und bei dem wir Schüler*innen uns gehört und verstanden fühlen. Leider gibt es den Klassenrat noch nicht an jeder Schule und auch bei uns noch lange nicht in jeder Klasse. Dies liegt daran, dass viele Lehrer*innen sowie Schulleitungen das Konzept noch gar nicht kennen.

Mit dem Hintergedanken, das Konzept des Klassenrats in ganz Hessen bekannter zu machen und zu beweisen, dass wir Schüler*innen uns selbstständig im Sinne der Gemeinschaft organisieren können, bin ich an Herrn Siefert mit der Bitte, einen Beitrag vom Klassenrat an unserer Schule aufzunehmen, herangetreten. Denn mir, als Schülerin bzw. als Schülervertreterin, ist es ebenfalls ein wichtiges Anliegen, dass die Schülerschaft ernstgenommen wird und dass man uns mehr anvertraut.
Uns sollte die Möglichkeit gegeben werden an Entscheidungsprozessen in der Schule stärker mitzuwirken, denn es reicht nicht, Demokratie ab und zu im Unterricht theoretisch zu vermitteln, sie muss uns AKTIV vorgelebt werden! Es ist UNSER Schulalltag, also sollten wir ihn auch aktiv mitgestalten dürfen, denn schließlich sind WIR die Expert*innen und wissen am besten wo Defizite und konkreter Handlungsbedarf liegen.

Demnach ist jeder Schritt -vor allem in unserem derzeit undemokratischen Schulsystem- in Richtung einer zukunftsorientierten, partizipativen und demokratischen Schule von großer Bedeutung. Auch der des Klassenrats, denn dieser ist ein sehr guter Anfang. Eigenständigkeit, Demokratiebildung, Mut und Zusammenhalt: Das und noch mehr steht hinter dem Klassenrat und ich bin unglaublich froh, dass einige unserer Lehrer*innen diesen mit ihrer Klasse durchführen und uns dabei helfen demokratische Strukturen an der Schule zu etablieren und zu verankern.


Wir müssten uns alle stärker an Willy Brandts Appell „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ mit Mut und Leidenschaft orientieren, um tatsächlich etwas zu bewirken.

 

 

(Hibba Kauser, Schul- und Stadtschulsprecherin)

 

 

 

 

Im Folgenden berichtet Frau Stadler über die Aufnahme einer Klassenratsstunde für einen Beitrag von Herrn Siefert in Hr-iNFO am 23.05.2017:

Unsere Schulsprecherin, Hibba Kauser, konnte bei der Aufnahme nicht dabei sein, da sie Unterricht hatte, und das machte uns alle noch ein bisschen aufgeregter, als wir es ohnehin schon waren. „Es soll nichts gestellt wirken; am besten läuft der Klassenrat einfach so ab wie immer, als ob ich gar nicht anwesend wäre“, hatte Herr Siefert vom Radioprogamm Hr-iNFO beim Vorgespräch gesagt – und als der sehr nette Moderator dann in den Konferenzraum kam und sich, nur mit Mikrophon und einem kleinen Aufnahmegerät ausgestattet, ganz selbstverständlich in den aufgebauten Stuhlkreis mitten unter die Schülerinnen und Schüler der ehemaligen Klasse 8g setzte, wurden alle, einschließlich der nervösen Klassenlehrerin, sichtlich entspannter.

Es war die letzte Klassenratsstunde vor den Sommerferien; vieles, z.B. das Programm für den nächsten Ausflug, war schon besprochen worden, aber dann kam doch noch ein Thema auf, das für Diskussionen sorgte: die Frage nach der Gestaltung der Sitzordnung; ob die Gruppentische wieder eingeführt werden sollten oder das „Hufeisen“ bestehen bliebe, außerdem gab es da noch den ausgeklügelten Vorschlag eines Schülers, der bisher noch nicht ausprobiert worden war. Dieses Thema im Klassenrat zu besprechen, hatte sich schon früher gelohnt – im Schuljahr davor hatte die damalige 7g einen Sitzplan entworfen, der sich, aus der Schülerperspektive und nicht vom Lehrerpult aus entwickelt, monatelang bewährt hatte.

In der „Radio-Sitzung“ passierte dann doch etwas eher Ungewöhnliches: Bei der Abstimmung über die Vorschläge entstand ein Stimmengleichstand, und somit musste die Diskussion noch einmal aufgenommen werden. Das war ein gutes Beispiel für die Tatsache, dass es aufgrund des formalen Rahmens und der Gesprächsregeln meistens länger dauert, zu einer gemeinsamen Entscheidung zu gelangen, als in einer „normalen“ KL-Stunde. Schließlich verkündete der Leiter das Ergebnis der Abstimmung, das vom Protokollanten für den Klassenratsordner festgehalten wurde. Herr Siefert hatte während der gesamten Stunde zugehört, gelegentlich stand er auf und hielt einem Sprecher/einer Sprecherin unauffällig das Mikrophon vor. Am Ende, nachdem der Leiter allen für die Teilnahme gedankt hatte, führt er auch noch einige Interviews für den podcast-Beitrag. Dabei erfuhr er, dass die Klasse 8g die Klassenratsstunden überwiegend gut findet und dass es den Schüler/-innen wichtig ist, im „Mini-Parlament“ eine Möglichkeit zur Mitbestimmung in Klassenangelegenheiten zu haben.


Angefangen hatte alles in der 6. Klasse durch die Anregung einer Kollegin sowie durch Materialien, die zu dieser Zeit vom Bundesamt für politische Bildung als Werbematerial versandt wurden. Wir nahmen uns lange Zeit, den Klassenrat einzuführen: Als Vorbereitung wurden Gesprächsregeln besprochen und auf Postern festgehalten (z.B. Aktives zuhören, die Giraffen-Sprache, Feedback-Regeln) und Übungen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung  sowie zur Empathiefähigkeit durchgeführt (z.B. die Übung „Eine Situation – viele unterschiedliche Gefühle“).  Danach spielten wir den Klassenrat zunächst als Rollenspiel durch und begannen anschließend mit dem - zunächst sehr holprigen, aber dann immer flüssigeren – Ablauf der Klassenratssitzung: Begrüßung, Positive Runde, Sammeln und Priorisieren der Anliegen (spontan oder aus dem Briefkasten), Austausch und Sammeln der Lösungsvorschläge, Abstimmen und Festhalten der Ergebnisse, der Verantwortlichkeiten und des Zeitrahmens (Wer macht was bis wann?), dann der Dank und das Schließen der Sitzung.

Welche Erfahrungen haben wir allgemein mit dem Klassenrat gemacht? Da nur derjenige sprechen darf, der den „Redegegenstand“ in der Hand hält (und der Ball wird nicht geworfen …) gibt es einerseits viel Bewegung in der Gesprächsrunde, es dauert aber auch in der Regel lange, bis alle sich zu einem Thema geäußert haben. Dies führt dazu, dass man sich überlegt, was man wirklich sagen möchte und dass ein kurzer „Schlagabtausch“ bei Argumenten nicht möglich ist. Um den formalen Rahmen einhalten und den Überblick behalten zu können, benötigt man eine Leitung und Schüler/-innen, die für das Protokoll, die Redeliste, das Einhalten der Regeln und des Zeitrahmens verantwortlich sind.

Welche Themen haben wir im Laufe der Zeit besprochen? Es ging um Ausflüge, Klassenfeste, Klassenregeln, die Verschönerung des Klassenraums, die Handynutzung, das Hausaufgabenpensum, um den Unterricht u.v.a. Konflikte wurden nur besprochen, wenn sie die gesamte Klasse angingen, für alles andere ist das Streitschlichtungsteam der Schule zuständig. Es wurde auch nicht immer alles gelöst, manche Probleme traten in einer Sitzung erst zutage und brauchten dann einige Zeit, um bearbeitet zu werden. Es wurden immer nur Handlungsaufträge abgestimmt, niemals Sanktionen. Und eine ganz wichtig Regel: Wenn festgelegt ist, in welchem Turnus die Sitzungen stattfinden, dürfen sie nicht ausfallen.

Offiziell dient der Klassenrat dazu, das Demokratiehandeln einzuüben, die Meinungsbildung zu fördern, die Klassengemeinschaft zu stärken und Unterricht zu evaluieren (vgl. E. Blum und H-J. Blum, Der Klassenrat. Verlag an der Ruhr 2012). Was er speziell für die Schüler/-innen der ehemaligen Klasse 8g und für die Klassenlehrerin bedeutet hat, kann man in dem Beitrag vom Mai 2017 nachhören, der von Herrn Siefert für Hr-iNFO gestaltet wurde.



(Sta)

 

 

Der Podcast des Radiobeitrages von Herrn Siefert wurde uns von hr-Info freundlicherweise für unsere Homepage zur Verfügung gestellt und kann hier angehört oder, sollte der Player nicht funktionieren, →hier heruntergeladen werden:

 


(red. Bearbeitung des Homepagebeitrags & Bild: Blu)