Nichts hat Bedeutung - aber "Nichts" hat Bedeutung

 

Der DS-Kurs Herrn Keglers stellt sich der Herausforderung, ein auch das Publikum herausforderndes Stück auf die Bühne zu bringen



Den Roman "Nichts" ("Intet") der dänischen Schriftstellerin Janne Teller dominiert eine unfassbare These, um die die Handlung kreist, an der sich die Figuren abarbeiten und die sich für sie alle am Ende sehr schmerzlich bewahrheitet: Nicht im Leben hat wirklich Bedeutung, verkündet der Schüler Pierre-Anton seinen KlassenkameradInnen - und zieht ihnen damit sozusagen den Boden unter ihren Füßen weg.


Pierre Anthon (obwohl erst kurzfristig eingesprungen, souverän überlegen-herablassend verkörpert von Samuel Luteke-Loloka) raubt seinen Mitschülern ihre Illusionen...



Zunächst sind sie bloß entsetzt, wie man so etwas behaupten, gar nur denken kann. Dann aber drängt sich diese These ihnen auf, bohrt sich ihnen ins Hirn und sie sind gezwungen, sich zu fragen, was denn nun in ihrem Leben Bedeutung habe - bzw., ob überhaupt etwas in letzter Konsequenz wirklich Bedeutung habe.


Versuche der Selbstbehauptung: Pierre Anthons Mitschüler versuchen, Liebgewonnenes mit besonderer Bedeutung aufzuladen...



Wohl aus Angst, der Roman, den Janne Teller gleichermaßen für Jugendliche wie für Erwachsene geschrieben hat, könne eine werther-ähnliche Existenzkrise bei Schülern auslösen, wurde an einigen dänischen Schulen verboten, mancherorts im Ausland darf er ebensowenig gelesen werden.
Herrn Keglers DS-Kurs scheute diese Konfrontation nicht und brachte den Stoff in der Sporthalle der Leibnizschule auf die Bühne.


Der Berg aus Bedeutung ist letztlich ein Berg aus Nichtigkeiten, eine leere Projektionsfläche, hier allegorisiert durch die weißen Luftballons...



Man ahnt den Schrecken der Schüler angesichts der Bedrohung ihres Selbst- und Weltbildes durch die Idee des Nihilismus, vor allem aber SIEHT man, wie sie sich verzwiefelt dagegen aufzulehnen versuchen. Ähnlich dem Bild der wie Seifenblasen zerplatzenden Träume repräsentieren auf der Bühne von den Akteuren aufgeblasene Luftballons die Ideen von Werten, die die Schüler generieren.
Und man weiß sofort, dass das nicht gutgehen kann.


Am Ende zerplatzen alle Träume von Bedeutsamkeit...



Einen Berg aus Seifenblasen, aus Ballons, einen "Berg aus Bedeutung" türmen sie auf, opfern der Hoffnung, dem "Nichts" etwas entgegensetzen zu können, ihre wertvollsten Güter - unter zunehmend schweren physischen und (schlimmer noch!) psychischen Schmerzen, nur um sich dann von Pierre Anthon vorhalten lassen zu müssen, dass sie durch die Weggabe alles vermeintlich Bedeutungsvollen dessen jeweilige Bedeutungshaftigkeit ja gerade massiv selbst in Frage stellen.


Erschreckend überzeugend ist dieses allegorische Spiel, dem man sich nicht entziehen kann.


Am Ende entlädt sich die Frustration in anarchischer Eskalation - da ja selbst die Bedeutung moralischer Werte keinen Bestand mehr hat...



Natürlich endet das Stück in der unausweichlichen Katastrophe und lässt den Zuschauer mit jener Frage zurück, die letztlich doch nur jeder für sich selbst beantworten kann: Was hat in meinem Leben Bedeutung - oder, wenn nichts von sich aus eine solche hat: welcher Idee, welcher Person, welchen Zielen oder welchen Ideen will und kann ich SELBST Bedeutung verleihen, als "dies etwas, diese schnöde Welt, die sich dem Nichts entgegenstellt", wie es Mephisto formuliert.


 


(Blu)