Dr. G. Proesmans: Warum wir nicht ohne Metaphern denken können

Der zweite Vortrag der 2. Staffel der Ringvorlesung über „Materialität, Synästhesie, Verkörperung“

 

 

 

Im Rahmen der von Herrn Stottmeier initiierten Ringvorlesung hielt am 07.03.2017 Frau Dr. Proesmans einen Vortrag zum Thema „Materialität, Synästhesie, Verkörperung: Warum wir ohne Metaphern nicht denken können“.

 

 

Das Wort „Metapher“ ist selbst schon das, was es bezeichnet: eine Übertragung. Man „trägt“ einen Bedeutungsaspekt eines Gegenstands (des Denkens) „über“ auf einen  anderen Gegenstand, in diesem Fall,.um eine bildliche Vorstellung der Erzeugung eines sprachlichen Bildes zu erzeugen; und so ist „[t]he essence of metaphor“, wie Frau Dr. Proesmans aus dem Standardwerk „Metaphors we live by“ (1980) von George Lakoff und Mark Johnson zitiert, „understanding and experiencing one kind of thing in terms of another“.

 

Frau Dr. Proesmans führte detailliert aus, von welch essenzieller Bedeutung Metaphern für unser Denken und unser Verständnis sind als, wie Frau Dr. Proesmans es - wiederum metaphorisch - ausdrückt, „Entwicklungshelfer menschlicher Intelligenz“.

 

Metaphern sind ein Grundelement der Sprache, ohne das unser Denken und Verstehen - in unseren Weltvorstellungen ebenso wie in unserer Kommunikation - nicht gelingen könnte.

 


Sprachliche Begriffe (wobei das „Begreifen“ ebenfalls wieder eine Metapher ist) können dabei als Repräsentationen des jeweils Bezeichneten angesehen werden, deren Verstehen davon abhängt, ob man in sich bereits eigene Erfahrungen beziehungsweise Erinnerungen (auch eine Metapher) vorfindet, das sich mit der aktuellen Vorstellung (wiederum eine Metapher) verbinden, zu dem hin man eine metaphorische Übertragung leisten kann. „Wer nie selbst Liebe erfahren hat“, stellte Frau Dr. Proesmans exemplarisch klar, der könne auch „Liebe nie verstehen“.

Im Gehirn werden dabei offenbar Repräsentation und Repräsentiertes in denselben Hirnarealen und auf ähnliche Weise verarbeitet, wobei oftmals sowohl sensorische als auch motorische Neuronen beteiligt sind. So wecke etwa die Metapher „ins Gras beißen“ synästhetisch die sensorische Empfindung für Grün und das Gefühl des Zubeißens und lasse dabei auch die für das Zubeißen zuständigen Motoneurone feuern, als führe man selbst diese Handlung ganz wörtlich aus.
Frau Proesmans zog aus diesen Befunden den Schluss, dass Verstehen genau dann gelinge, wenn gerade die passenden sensorischen und auch motorischen Hirnareale aktiviert würden.
Über das menschliche Welt- und Einanderverstehen hinaus wies in Frau Dr. Proesmans' Vortrag der Bericht von dem biologischen Befund, dass nicht nur Menschen, sondern auch andere Lebewesen, wie etwa Delfine, in bildlichen Repräsentation kommunizieren (und vielleicht gar denken). Delfine seien in der Lage, akustische Echos, die ihr Sonar von beschallten Gegenständen zurückwirft, zu reproduzieren und anderen so lautlich zu vermitteln. Auch bei ihnen würden dabei nicht nur die passenden sensorischen, sondern ebenfalls auch die zugehörigen Motoneuronen aktiviert. Mit diesen Reproduktionen von sinnlichen Wahrnehmungen leisten Delfine etwas Ähnliches wie die Lautmalerei (wieder so eine Metapher) in der menschlichen Sprache.

Mit all diesen Aspekten metaphorischen Denkens und Sprechen zeichnete Frau Dr. Proesmans ein differenziertes Bild menschlichen Verstehens und menschlicher Verständigung und riss danei - teils explizit, teils implizit - diverse philosophische Fragen an bezüglich der Erkenntnisfähigkeit des Menschen, deren Erfahrungsabhängigkeit, des Leib-Seele-Problems beziehungsweise der Körperbezogenheit des menschlichen Verstandes sowie bezüglich des Status vermeintlicher Alleinstellungsmerkmale des Menschen.



Es war eine anspruchsvolle Vorlesung, die dem Zuhörer viel abverlangte, aber auch viel gab.
Wer sich auf einen so detaillierten und fundierten Blick in die Funktionsweise des eigenen Verstandes einlässt, lernt immer etwas über sich selbst - mehr kann man von einer solchen Vorlesung wohl kaum verlangen.
...und der Blick in uns selbst ist dabei natürlich wiederum eine Metapher...

 

 



(Blu)