Zeitzeugengespräch mit Liesel Binzer

Vom Leben und Überleben im Deutschland der Nazizeit, im KZ Theresienstadt und im heutigen Deutschland und Israel

 

 

Leibniz schreibt in seiner Monadologie:

„Denn an uns selbst lernen wir durch die Erfahrung Zustände kennen, in welchen uns weder eine gehörige Erinnerung, noch irgend eine deutliche Vorstellung zu Gebot steht. Dergleichen sind Schwäche, Ohnmacht, oder ein tiefer traumloser Schlaf, der uns gefangen hält. In diesen und ähnlichen Lagen unterscheidet sich die Seele nicht merklich von einer bloßen Monade, und steht nur insofern höher denn diese, als jene Zustände bei ihr von keiner Dauer sind, sondern sie sich durch eigene Kraft aus denselben emporzuraffen vermag.“
(Leibniz, Gottfried Wilhelm: Leibnitz’ Monadologie. Deutsch mit einer Abhandlung über  Leibnitz’ und Herbart’s Theorie des wirklichen Geschehens, von Dr. Robert Zimmermann. Wien: Braumüller & Seidel 1847; S. 15, § 20.)

 

 

 

 



Erinnerung und deutliche Vorstellungen sind es also, was uns in Leibnizens Augen über die einfachen seelenlosen Monaden hinaus hebt und uns als Menschen ausmacht.


Ohne Erinnerungen wären wir demnach schwach, ohnmächtig, hilflos.


Das gilt insbesondere dann, wenn Erinnerung dazu dient, aus Vergangenem zu lernen, um sich aktuellen Herausforderungen gezielt stellen zu können.

Ganz konkret gilt es zum Beispiel heutzutage, wenn unsere demokratischen Werte vom Chauvinismus nationalistischer Radikaler bedroht, weltanschauliche Toleranz von religiösen Fundamentalisten untergraben und die Erinnerungskultur unserer Zivilisation von populistischen Politikern infrage gestellt wird.

Da gilt es, dagegenzuhalten, und dazu ist man am ehesten dann in der Lage, wenn man in heutigen Aussagen, Positionen und Prozessen Muster wiedererkennt, deren Schädlichkeit man ebenso historisch belegen kann wie die Notwendigkeit ihres Scheiterns.


Wenn nationalistische Politiker den Holocaust und/oder andere Völkermorde kleinreden oder leugnen, wenn sich machthungrige Politiker wie Hitler gebärden oder gar selbst mit ihm vergleichen und ihnen Massen ebenso unreflektiert folgen wie vor nicht einmal einem Jahrhundert, dann kann man froh sein, dass es noch Menschen gibt, die sich an die Geschehnisse von damals aus erster Hand erinnern, andere daran teilhaben lassen und so deutliche Vorstellungen davon vermitteln können, wie es damals war und wie es auf keinen Fall wieder werden darf.



Die Generation heutiger SchülerInnen wird eine der letzten sein, die noch das Privileg besitzen, Zeitzeugen des Holocausts unmittelbar kennenlernen und sprechen zu können.
Wenn sich dann noch eine Zeitzeugin findet, die biographisch eng mit der Heimatstadt der SchülerInnen verbunden ist und ihnen so trotz aller biographischen Unterschiede doch ganz fassbar nahesteht, dann rückt ihr Erleben ganz nah mit dem der SchülerInnen zusammen und schafft ein gemeinsames fruchtbares Fundament, auf dem sich immer wieder gemeinsame Anknüpfungspunkte finden und Erinnerungen lebendig mitteilen und teilen lassen.

 

 

Zeitzeugin Liesel Binzer hat als Kind das KZ Theresienstadt er- und überlebt und berichtet gemeinsam mit ihrer Tochter von ihrem Leben.

 


So war es auch beim Zeitzeugengespräch mit Liesel Binzer, die als Fünfjährige ins KZ Theresienstadt deportiert wurde, den Holocaust glücklicherweise und erstaunlicherweise gar gemeinsam mit ihren Eltern überlebte und sich später in Offenbach ein neues Leben aufgebaut hat. Gemeinsam mit ihrer Tochter sprach sie vor und mit SchülerInnen der Jahrgangsstufe 9 und des diesjährigen Abiturjahrgangs. Herr Kegler und Herr Keller, die beide diese SchülerInnen unterrichten, bereiteten das Gespräch im Unterricht vor und nach, hatten es organisiert und begleiteten auch die Veranstaltung selbst.


Frau Binzer erzählte, unterstützt durch Fotografien, ihre Lebensgeschichte. Sie schilderte die Situation der Juden in Deutschland vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, ließ die zunehmende Ausgrenzung der Juden in all ihren Formen Revue passieren, berichtete vom Leben und Überleben im KZ Theresienstadt, beleuchtete die Schwierigkeiten des Neuanfangs im Nachkriegsdeutschland inmitten zahlloser unbehelligt gebliebener Nazis und schloss mit der Präsentation ihrer Familie und deren Bemühen um die Akzeptanz ihres jüdischen Lebens im Hier und Heute, in Deutschland ebenso wie in Israel, wohin ihre Tochter ausgewandert ist.


Es war eine ungewöhnliche Perspektive, die Frau Binzer bot. Sie hat die Zeit des Nationalsozialismus aus dem Blickwinkel eines Kindes wahrgenommen, und so unterschieden sich ihre Erlebnisse - und Zeugnisse - bereits deutlich von denen, die die Generation der heutigen Lehrer von Zeitzeugen zu hören gewohnt sein dürfte. Das mInderte allerdings keineswegs den Wert dieser Erinnerungen, sondern rückte die Zeit in ein für das gesamte Publikum neues Licht. Selbst die Lehrer dürften manches auch für Sie neue Ungehörte und Unerhörte erfahren haben.

 

Frau Binzer (als "Child Survivor") vermittelt den SchülerInnen eine besondere Perspektive auf das Leben als Jude in Deutschland vor, während und nach dem Krieg bis heute.



Ihr Bericht bewegte das Publikum sichtlich. Das zeigte sich zum einen an der aufmerksamen Ruhe der SchülerInnen, zum anderen aber auch sehr deutlich an den Fragen, die im Anschluss aus dem Plenum an Frau Binzer gerichtet wurden.

Man interessierte sich beispielsweise dafür, inwieweit ihr als Kind die Lage der Juden bewusst und spürbar wurde. Während einerseits im KZ die Kinder abgeschottet von den Erwachsenen von jüdischen Gefangenen betreut wurden, die sich mühten, den Kindern die Zeit so angenehm wie unter den gegebenen Umständen möglich zu machen, spürte sie andererseits schon vor der KZ-Zeit in verschiedenen Situationen, dass sie als Jüdin zunehmend anders angesehen, anders behandelt wurde.

Ob sie sich dann gewünscht habe, keine Jüdin zu sein, wurde sie gefragt. Als Kind, in manchen Situationen, gänzlich unreflektiert, durchaus. Heute kommt es ihr ebenso wie ihrer Tochter aber darauf an, dass sie unbehelligt ihren kulturellen Gepflogenheiten nachgehen können, ohne deshalb als andersartig angesehen zu werden. Sie wollen sie selbst sein dürfen und sich darin als ganz normal wahrgenommen und akzeptiert fühlen.

In Zeiten, in denen es für SchülerInnen mit Migrationshintergrund oft an der Tagesordnung ist, sich mit der Ambivalenz des Wunsches nach eigener Akzeptanz einerseits und dem Bedürfnis nach identitätsstiftender Abgrenzung von anderen, die mitunter das Risiko von deren Ausgrenzung eingeht, auseinandersetzen, ist es erhellend zu hören, dass auch diese Problematik keineswegs eine neue ist, und das sid nicht bloß eine bestimmte Gruppe von Migranten betrifft, sondern eine vielfältig geteilte Grunderfahrung ist.


Ob Frau Binzer angesichts der Untaten der Nazis am Glauben habe festhalten können, lautete eine Frage aus dem Plenum. Sie habe bis heute Zweifel, räumte sie ein, denn es könne nicht Gottes Wille gewesen sein, dass 6 Millionen Juden ermordet wurden - und das nur wegen ihrer Religion. Auch dieses Thema könnte aktueller kaum sein in einer Zeit vorgeblich religiös motivierter Kriege und im Namen der Religion begangenen Terrors.


Ob Sie je Rachegedanken gehegt habe, wollte ein Schüler wissen. Höchstens als Kind, überlegte Frau Binzer, aber sie hätte daran nie festhalten können, noch wollen. Rachegedanken zerstörten einen nicht zuletzt auch selbst, stellte sie klar und gab in ihrer Versöhnlichkeit ein Beispiel dafür ab, dass und wie es möglich ist, die Gewaltspirale zu durchbrechen, in denen sich vielerorts Gruppierungen aus unterschiedlichen Kulturen aufreiben. Sid lehnt Gewalt und Krieg strikt ab, das ist eine der wichtigsten Lektionen, die sie im Krieg gelernt hat und nun weiterzugeben bemüht ist.


Deutschland sei trotz allem ihr Heimatland und das Land ihrer Muttersprache. Sie hat sich mit ihren Eltern auf das Wagnis eingelassen, zurückzukehren. Früher sei es denn auch tatsächlich schwer gewesen, sich den eigenen Erlebnissen zu stellen, als sie noch jünger gewesen sei, heute gelinge es ihr besser, darüber zu sprechen. Man müsse im Leben immer positiv denken, sich den Optimismus bewahren, sonst bekomme man Probleme mit der Seele.


Offenbach ist ihr eine neue Heimat geworden, eine Stadt, die sich in ihren Augen sehr positiv entwickelt habe, "multikulti", jeder werde akzeptiert, wie er sei, unabhängig von Hautfarbe, Religion, Herkunft. Das solle bitte so bleiben.

Das war mehr als nur ein Bekenntnis zu dieser Stadt, die sich glücklich schätzen kann, aus dem Munde einer Zeugin derartiger Geschehnisse, wie Frau Binzer sie erleben musste, ein solches Lob zu erfahren. Es war zugleich auch ein Appell an die vor ihr sitzenden jungen OffenbacherInnen, unverdrossen daran mitzuwirken, dass chauvinistischer Separatismus die städtische Gemeinschaft bedroht, die sich durch ihre "unitas in multitudine" auszeichnet, wie sie Leibniz nennen würde.


Vortrag und Gespräch trafen und betrafen die SchülerInnen offensichtlich in hohem Maße. Einige blieben noch lange nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung, um die Gelegenheit zu nutzen, das Gespräch mit Frau Binzer und ihrer Tochter fortzusetzen. Die Themen, die dabei zur Sprache kamen, gingen weit über die Nazizeit hinaus.

Nicht zuletzt brannten ein paar palästinensische Schülerinnen darauf, mit Frau Binzer Tochter über die Situation in Israel zu sprechen, die sie als dort Ansässige ja aus erster Hand kennt. Obgleich man nicht in allen Details einer Meinung war, war man sich doch unzweifelhaft einig darin, dass man stets bereit sein müsse, ungeachtet der weltanschaulichen Unterschiede einander schlicht als Menschen zu begegnen und möglichst unvoreingenommen sich auf das Gespräch miteinander einzulassen.

Auch dass es Ziel sein müsse, dass beide Völker gemeinsam und voneinander unbehelligt in Israel leben können, war man sich gänzlich einig.



Frau Binzers in Israel lebende Tochter im offenen Gespräch mit unter anderem auch palästinensischen Schülerinnen.


Alles in allem konnte man in dieser Veranstaltung, im Teilen der Erinnerungen und im Austausch miteinander, aus der Vergangenheit lernen für Gegenwart und Zukunft, für Toleranz und ein friedliches Miteinander der Kulturen in einer gemeinsamen Welt, die in solcher Form Leibniz sicherlich als "die beste aller möglichen Welten" ansähe...




(Blu)