Podiumsdiskussion mit dem Kultusminister Prof. Dr. Alexander Lorz

Eine Auseinandersetzung über Stellenkürzungen in der gymnasialen Oberstufe und in der durch den Sozialindex bedingten Zuweisung

 

 

 

Schulsprecherin Hibba Kauser und Benjamin Denk aus der SV, die mit ihrer "liebenswürdigen Penetranz" den Kultusminister zu einer Podiumsdiskussion in unsere Schule "locken" konnte, moderierten die Veranstaltung.

 

 

Enthusiasmus ist ein Wort, das

a) gut das Engagement beschreibt, mit dem die SV, allen voran die Schulsprecherin Hibba Kauser, die Podiumsdiskussion am Do., 18.02.2016 an der Leibnizschule organisiert hat,

b) sich vielleicht als deutlicher positiv besetztes Synonym für die „liebenswürdige Penetranz“ eignet, mit der die SV den Kultusminister höchstpersönlich zur Teilnahme an dieser Veranstaltung bewegen konnte,

c) schon heute einer Vielzahl von Gymnasiasten nicht mehr geläufig sein dürfte,

d) selbst von vielen von denen, denen es doch geläufig ist, nicht korrekt geschrieben werden wird,

e) künftigen Generationen von Gymnasiasten womöglich mit noch höherer Wahrscheinlichkeit fremd sein mag...

Auch auf die in dieser Aufzählung gebrauchten Vokabeln „Engagement“, „Synonym“, „Penetranz“ und sogar „geläufig“ dürften c), d), und e) zutreffen.

 

Die Ursachen hierfür sind sicher vielfältig – vom sogenannten bildungsfernen Hintergrund vieler Schüler über fragwürdige Alphabetisierungsmethoden in der Grundschule und die bis zum vergangenen Schuljahr flächendeckend geltende verkürzte Gymnasialzeit (G8) bis hin zu Stellenkürzungen im Oberstufenunterricht und für Förderprogramme (vor allem in Deutsch) in den Gymnasien...

 

 

Kultusminister Prof. Dr. Lorz erklärt die Sachlage aus der Sicht "der Politik" bzw. aus seiner eigenen Perspektive dem Publikum sowie den anderen Diskussionsteilnehmern: Petra Blaufuss (Stadt- und Schulelternbeirat), Renate Schulte-Spechtel (Schulelternbeirat (SEB)), Kultusminister Prof. Dr. Alexander Lorz, Alice Petersen (SV), Alexander Breuning (Schüler), Martin Schweinsberg (Oberstufenleiter der Leibnizschule), Christian Keller (Gesamtpersonalrat)

 

 

Klar ist, dass die Haupt- und Realschulen mit den ersten zwei Problemen ebenso zu kämpfen haben wie die Gymnasien. Dass dies die Landesregierung motivierte, eine Umverteilung der Ressourcen zugunsten der Haupt- und Realschulen vorzunehmen, ist damit zunächst einmal erklärlich. Klar ist aber auch, dass die genannten Probleme eben auch in den Gymnasien bestehen – zumindest in Städten wie Offenbach und Schulen wie der Leibnizschule, denen man das früher sozusagen „traditionell“ stets abgesprochen, bei der Einführung der zusätzlichen Stellenzuweisung nach Sozialindex aber ja auch endlich einmal zuerkannt hatte. Dies gilt umso mehr, als immer mehr (auch eigentlich nicht hierfür als geeignet eingestufte, aber damit gerade ja nicht weniger förderungsbedürftige) Schüler ins Gymnasium „drängen“ und dort auch eine deutlich längere Verweildauer haben als in den anderen Schulformen. Damit haben sie auch deutlich länger mit den genannten Problemen zu kämpfen, wobei sie in diesem Kampf gegen die eigenen schlechteren Ausgangsbedingungen im Sinne einer Chancengleichheit unterstützt werden (können) müssen.

 

Diese Förderung zur Chancengleichheit wird sogar durch das Hessische Schulgesetz in den $$ 3 und 8 vorgeschrieben, und das ist nicht nur für die Lehrer bindend, die mit den von ihnen und den Eltern und nicht zuletzt auch den Schülern als schon immer deutlich zu mager empfundenen Ressourcen seit jeher hier das Menschenmöglichste versuchen – nein, es ist auch für die Landesregierung bindend, die die Schulen und die Lehrer als ausführende Organe hierin unterstützen und mit den entsprechenden Mitteln ausstatten müssten.

 

Dies – so betonte Kultusminister Prof. Dr. Alexander Lorz in der Podiumsdiskussion wiederholt – habe man längst erkannt und gerade deshalb auch die zusätzliche Stellenzuweisung über den Sozialindex eingeführt. Er verglich die aktuelle Situation immer wieder sowohl mit der vor fünf Jahren als auch mit der von 1999, dem Zeitpunkt des letzten Regierungswechsels in Hessen. In beiden Vergleichen konnte er zeigen, dass im Durchschnitt die Lehrer- und Ressourcenversorgung heute deutlich besser sei als damals.

 

 

 

Angeregte Diskussion - hier zwischen Herrn Keller und Prof. Dr. Lorz...

 

 

So weit, so gut – zweifellos ist das ein Verdienst, das der Landesregierung auch von niemandem im Saal abgesprochen wurde.

 

Womit sich die anderen Diskutanten und das Publikum aber keineswegs zufrieden geben wollten, war die Behauptung des Kultusministers, damit handele es sich um die Maximalversorgung. Relativ betrachtet, bezogen auf alle bisherigen Bildungsetats mag das zwar stimmen – absolut betrachtet ist der Etat aber immer noch deutlich zu gering, wie alle sozusagen „an vorderster Front“ Beteiligten tagtäglich erleben können.

 

Womit sich zweitens niemand zufrieden geben konnte, war der wiederholte Verweis auf den Durchschnitt. Hierauf wies unter anderem Herr Ludwig hin, Mathematik- und Physiklehrer an der Leibnizschule und Vorsitzender des Schulpersonalrates, als er konstatierte, dass auf die Fragen aus dem Plenum, die gefühlt zu 90 % auf die spezielle Begutachtung der konkreten Situation in Offenbach abzielten, von Herrn Prof. Dr. Lorz Antworten gegeben wurden, die zu gefühlt 90 % darlegten, was die Landesregierung hessenweit leiste. Mag sein, dass die Landesregierung sich von Offenbach und der Leibnizschule wünscht, dass sie dem Landesdurchschnitt entsprechen mögen, aber um dem auch nur halbwegs nahe zu kommen, müssen die Schulen bei den deutlich unterdurchschnittlich guten Ausgangsbedingungen in Offenbach deutlich überdurchschnittliche Arbeit leisten – kurz: die Rechnung geht nicht auf. Während im Landesdurchschnitt die Schülerzahlen sinken und in manchen Gegenden Hessens Schulen zusammengelegt oder geschlossen werden müssen, bleiben im Ballungsraum Frankfurt und Offenbach die Schülerzahlen stabil oder steigen an einigen Schulen sogar an – die Leibnizschule etwa wird im nächsten Jahr schon wieder mehr neue fünfte Klassen eröffnen müssen als in diesem Schuljahr – derzeit sind es „nur“ acht... In Offenbach steht, wie Herr Keller, PoWi-Lehrer an der Leibnizschule und Mitglied des Gesamtpersonalrates erläuterte, die von Herrn Prof. Dr. Lorz eloquent immer wieder ins Feld geführte „demographische Rendite“ einfach nicht zur Verfügung, da die Bevölkerungsentwicklung und die Entwicklung der Schülerzahlen hier dem Landesschnitt einfach in keiner Weise entsprechen, sondern eher gegenläufige Tendenzen aufweisen.

 

 

 

Herr Keller bringt mit seinen Erläuterungen der besonderen Situation in Offenbach im Allgemeinen und an der Leibnizschule im Speziellen den Kultusminister ins Grübeln...

 

 

Was Schulleitung, Lehrer, Eltern und Schüler besonders ärgert: Im Zuge der dank der Berücksichtigung des Sozialindexes erstmals vergleichsweise großzügigen Stellenzuweisung konnte die Leibnizschule endlich dringend benötigte Förderprogramme vor allem im Fach Deutsch entwickeln und betreiben – ein erklärtermaßen prioritäres Bildungsziel der Landesregierung. Auch im Bereich der Ganztagsbeschulung – einem zweiten Punkt der Prioritätenliste des Kultusministers – tut sich die Leibnizschule seit Jahren hervor. Diese Schule setzt also exakt das in die Praxis um, was sich, wie Prof. Dr. Lorz wiederholt betonte, das Kultusministerium auf die Fahnen geschrieben hat.

 

Nun aber sollen die Mittel bzw. die Stellenzuweisungen gekürzt werden, bevor auch nur evaluiert werden konnte, was die gestarteten Programme leisten. Die Konsequenz ist – logischerweise –, dass sie schon wieder werden reduziert oder gar „eingestampft“ werden müssen. Die Umverteilung der Ressourcen, die faktisch einer Stellenreduzierung in den Gymnasien gleichkommt, führt so dazu, dass die Landesregierung bzw. das Kultusministerium wertvolle Förderprogramme ihren neu erhobenen Durchschnittswerten opfert, ohne überhaupt auch nur zu wissen, was genau sie da vor Ort über die Klinge springen lässt.

 

Chancengleichheit bedeutet aber eben nicht nur, dass alle in den Grundschulen die gleichen Chancen erhalten soll(t)en, sondern muss auch allen Schülern gleiche Chancen auf eine gymnasiale Bildung ermöglichen, denn, wie in einem Schülerbeitrag aus dem Publikum betont wurde, beim Numerus clausus wird nur auf die Note geschaut und nicht auf die Situation, in der sie erreicht wurde...
Folglich muss dieser Blick auf den situativen Kontext vorher erfolgen – und zwar bei der Ausstattung der Schulen mit Lehrerstellen und damit Unterrichtsstunden.

 

 

 

Der Kultusminister Prof. Dr. Lorz stellt sich der Kritik und schlägt sich wacker, verspricht aber zugleich Aufgeschlossenheit...

 

 

Abschließend von Benjamin Denk aus der SV gefragt, der zusammen mit der Schulsprecherin die Veranstaltung moderierte, was er selbst aus dieser Diskussion mitnehme, wollte und konnte vermutlich auch Prof. Dr. Lorz keine konkreten Zusagen machen, was Offenbach im Allgemeinen und die Leibnizschule im Speziellen an Zuwendungen künftig zu erwarten haben würden. Aber ein nicht ganz unwichtiges Versprechen, zu dem ihn die von ihm als erfreulich konstruktiv eingeschätzte Podiumsdiskussion bewegen konnte, gab er denn abschließend doch: Er sagte zu, die besondere Situation in unserer Stadt und an unserer Schule doch noch einmal genau in den Blick zu nehmen.

 

 

 

Der Kultusminister im Anschluss an die offizielle Veranstaltung im Gespräch mit interessierten SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen...

 

 

Die SV, die sehr froh über und zu Recht stolz auf den Verlauf der Veranstaltung war, hofft nun, dass aus diesen Worten auch spürbare Taten folgen werden und die Mächtigen dort oben eben doch erreichbar sind für die Stimmen der von ihnen regierten. Denn was ein Versprechen ist, das wissen Gymnasiasten heute durchaus noch, auch in Offenbach – und wir alle hoffen, dass das auch so bleiben wird...

 

 

 

 

 

 

(Blu)