Abitur – und dann?

 

 

Ein Rückblick auf meine Zeit zwischen Schule und Studium

 

 

Schon während der Oberstufe wurde ich immer wieder von unterschiedlichster Seite mit
der ominösen „Zeit danach“ konfrontiert; der Zeit nach dem Abitur.
Abgesehen von Eltern und Familienmitgliedern erkundigten sich auch sämtliche Lehrer,
Nachbarn und sonstige Bekannten (die ich kennen oder lieber nicht kennen wollte) nach
den persönlichen Zukunftsplänen.
Mit steigender Frequenz; je näher das Schreckgespenst Abitur rückte.
Dieser Zustand trug nun nicht gerade zur Entspannung jenseits der
Prüfungsvorbereitungen bei. Vielmehr wurde mir bewusst, welches Gewicht die
anstehenden Entscheidungen hatten:
Man erhält die Möglichkeit, sein Leben in eigenständig in gewisse Bahnen zu lenken und
aus dem gemütlichen „Nest“ der Vertrautheit zu schlüpfen.
Es beginnt der häufig beredete neue Lebensabschnitt und die Gewohnheit der Abfolge von
Schuljahren findet ein jähes Ende.
Wie man sich versieht, hält man sein Zeugnis in der Hand und tanzt ein letztes Mal
„Macarena“ (Hommage an die Mottowoche) auf dem Abiball.
In meinem Freundeskreis empfand ich die Stimmung als äußerst gemischt. Einerseits
wurde der schulischen Routine und der Gemeinschaft nach getrauert, die sich in den
gemeinsamen Jahren gefunden und gefestigt hatte. Andererseits verspürte man die
Neugierde und Sehnsucht, sich in das Unbekannte zu stürzen und (endlich?) unabhängig
zu sein.
Doch die Fülle der Möglichkeiten erschien erdrückend: Auslandsaufenthalt,
Freiwilligenarbeit, Ökologisches Jahr, Ausbildung oder lieber doch sofort Studieren? Was?
Wie? Wo? Und wo führt das mal hin?
Nur die wenigsten unseres Jahrgangs hatten schon vor dem Abitur eine feste Vorstellung,
was in den nächsten fünf Jahren passieren sollte.
Mich persönlich reizte ein Auslandsaufenthalt, obwohl ich bereits wusste, dass ich
Ernährungswissenschaften ich studieren wollte.
Ich fühlte mich nicht etwa erschöpft von 13 Schuljahren; vielmehr verspürte ich Lust auf
Horizonterweiterung und die „große weite Welt“. Wie oft erhält man später die Möglichkeit,
sich ein Jahr Auszeit zu nehmen?
Eine gute Freundin hatte mich zu Beginn der 13. Klasse gefragt, ob ich nach dem Abitur
mit ihr nach Australien gehen würde.
Spontan sagte ich zu; beschäftigte mich allerdings erst im Laufe der darauf folgenden
Wochen und Monate mit dem Vorhaben und fand zunehmend Gefallen daran.
Aus einem flüchtigen Versprechen wurde auch dank der Zustimmung des persönlichen
Finanzbeauftragten tatsächlich Fakt und so flogen Johanna und ich Mitte August 2010
nach „Down Under“.
Zum „Work & Travel“; der Einfachheit halber mithilfe einer Organisation, die uns vor Ort
betreute und die wichtigsten Dinge regelte.
Ich nehme vorweg, dass aus dem Reise- und Arbeitsaufenthalt mehr „Travel“ als „Work“
wurde.
Insgesamt verbrachten wir vier ereignisreiche Monate am anderen Ende der Welt.
Zumeist hielten wir uns nicht länger als drei bis vier Tage an einem Ort auf, sodass wir am
Ende auf stolze 10.000 gereiste Kilometer und mindestens ebenso viele Erfahren kamen.
Auch wenn man die üblichen Bilder aus den Medien kennt, bleibt Australien ein
wundervolles Land voller Überraschungen, mit atemberaubender Natur und vor allem
Vielfalt.
Mit ausreichendem Kleingeld gelangt man an die abgelegensten Orte und lernt die
verrücktesten Menschen kennen. Kleiner Wermutstropfen: „Echte“ Australier muss man
fast suchen, da die Backpacker zumindest in den Touristengebieten klar die Mehrheit
stellen.
Die Infrastruktur ist dafür bis in den letzten Winkel ausgestaltet und perfekt auf
Rucksackreisende eingestellt.
Kurz vor Weihnachten krönten wir den Trip mit einem Abstecher nach Fidschi, bevor wir
uns 25 Flugstunden und 50°C Temperaturunterschied später unter dem Tannenbaum
wiederfanden.
Da wir beide studienfachbedingt erst zum Wintersemester im Oktober mit dem Studium
beginnen konnten, blieben mehr als 9 Monate zu mehr oder minder freien Verfügung.
Diese wurde genutzt, um das arg strapazierte Ersparte aufzubessern und praktische
Erfahrungen in Form von Praktika zu sammeln.
Ich arbeitete sieben Monate in einer Apotheke, was zwar nichts mit meinem Studium zu
tun hatte, mir aber dennoch interessante Erfahrungen einbrachte.
Doch „the travel bug got us“, wie man so schön sagt, und das Fernweg erschien täglich
größer.
Schon planten wir den nächsten Trip und setzten ihn trotz elterlicher Bedenken auch in die
Tat um:
Knappe sechs Wochen bereisten wir Südostasien; in der Reihenfolge Thailand, Laos und
Vietnam.
Erneut prasselte eine kaum zu verarbeitende Fülle von Impressionen auf uns ein. Vor
allem die fremde Kultur war beeindruckend; verlangte aber eine gewisse Adaption.
Auch der Schwierigkeitsgrad bezüglich der Organisation der Reise sowie der
Kommunikation mit den Einheimischen war ungleich höher, führte aber nie zu ernsthaften
Komplikationen. Mit ein wenig Geschick und positiver Einstellung wurde die eine oder
andere unangenehme Situation überstanden und auf dem Konto Erfahrung gebucht.
Einmal mehr erlebten wir eine aufregende und intensive Zeit, von der wir noch immer
zehren.
Direkt im Anschluss begann Mitte Oktober 2011 der „Ernst des Lebens“.
Johanna zog es nach Darmstadt zum Architekturstudium, ich begann in Gießen
Ernährungswissenschaften zu studieren.
Das ist nun genau Jahr her.
Währenddessen haben wir ein eigenständiges Leben aufgebaut und das Umgehen mit
Herausforderungen der Uni erlernt. Auch an die Eigenarten der WG-Mitbewohner sind wir
mittlerweile mehr oder weniger gewöhnt.
Darüber hinaus habe ich neue enge Freundschaften geschlossen, das Studium ist meist
interessant und der Spaß außerhalb der Uni kommt auch nicht zu kurz. Ich fühle mich
einfach wohl.
Glücklicherweise ist das Reisen trotz enger Zeitfenster und Studentenbudgets noch immer
möglich, gerade haben Johanna und ich Marokko durchquert.
Das Reisen sowie das neue Umfeld samt seiner Anforderungen hat uns reifer gemacht
und weiterentwickelt.
Beziehungen verändern sich, manche Freundschaften sind trotz Facebook-Allgegenwart
eingestaubt, andere sind ganz erloschen. Durch räumliche Trennung verliert man sich
eben schnell aus den Augen.
Doch schon für übernächstes Jahr ist das erste Abi-Nachtreffen geplant; 5 Jahre nach
dem Abitur.
Ein seltsames Gefühl, zu solchen Veranstaltungen gingen doch früher nur die eigenen
Eltern hin.
Aber wer weiß, vielleicht legt irgendjemand „Macarena“ auf und dann fühlt es sich wieder
genauso an, wie damals auf dem Abiball...


Katrin Hartmann