Nach dem Abitur - Ein Leben in einer anderen Welt



Mein Name ist Nadine Ewald, ich bin 19 Jahre alt und ich habe 2011 mein Abitur an der Leibnizschule in Offenbach absolviert. Seit Anfang des Jahres 2012 lebe ich in Kenia, genauer gesagt in Kisii, 300 km westlich von Nairobi entfernt und arbeite hier in der „Kisii Special School for Mentally Handicapped“. Seit 8 ½ Monaten lebe schon hier und absolviere einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst, welcher vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert wird.

Unsere Aufgaben in der Schule sind sehr vielfältig. Am meisten sind wir aber „einfach“ nur für die Kinder da und versuchen ihnen so viel Aufmerksamkeit zu schenken, wie es nur möglich ist. Die schönste Zeit für sie ist, wenn wir nach der Schule zusammen auf einer Decke sitzen und sie in den Arm nehmen.

Neben unserem täglichen Schulleben, haben wir (Eva, meine Mitfreiwillige und ich) ein paar Projekte ins Leben gerufen.
Zum Beispiel haben wir mit einer Lehrerin ein „Cooking-Project“ gestartet, wo wir einmal die Woche mit den ältesten Mädchen der Schule kochen bzw. backen. Das Gekochte/Gebackene wird an die Lehrer verkauft, damit sich das Projekt refinanziert. Der Sinn dieses Projektes ist es, dass die Mädchen lernen zu kochen und wie man mit Geld umgeht.

Ein weiteres Projekt ist unser „Zahnarzt-Projekt“. Uns fiel auf, dass fast alle Kinder sehr schlechte Zähne haben, teilweise sogar Schmerzen und deshalb nicht richtig essen konnten. Deshalb entschlossen wir, mit allen Kindern zum Zahnarzt zu gehen. Seit Monaten sind wir jeden Vormittag im Krankenhaus. Viele Kinder brauchen Füllungen, professionelle Zahnreinigungen oder Milchzähne müssen gezogen werden, damit für die permanenten Zähne genug Platz haben.
Das Zahnarztteam macht einen sehr guten Job. Sie nehmen sich sehr viel Zeit für uns und erklären den Kindern jeden einzelnen Schritt.

Das größte und nachhaltigste Projekt ist der „Special School Garden“. Die ältesten Jungs bauten einen Zaun, um die Kinder vor dem Gemüse/Obst fern zu halten. Auf diesem großen Feld haben wir im April 100 Bananen-, 10 Avocadobäume und 2000 Sukumapflanzen ( grünes Gemüse) gepflanzt. Das Sukuma wird von den Kindern selbstständig geerntet und wird in der Küche verwendet. Die Bananen und Avocados werden (hoffentlich) in 2 Jahren nach Europa exportiert. Durch das Sukuma spart die Schule zunächst einmal Geld und durch den Export kann die Schule bis zu 10.000€ im Jahr verdienen.
Unseren Garten werden wir in den verbleibenden  4 Monaten weiter ausbauen und wir werden zusätzlich auf einem neuen Feld Tomaten, Zwiebeln und Kohl anbauen, was auch den Kindern zu gute kommen soll.

Projekte zu starten ist nicht immer einfach. Bevor man etwas anfängt, muss man sich immer die Frage der Nachhaltigkeit stellen. Das heißt, man muss sich genau überlegen, inwiefern ein Projekt der Schule/Kindern zu gute kommt.

Abgesehen von den schönen Momenten in der Schule und in meinem alltäglichen Leben, gibt es sehr viele Probleme und Herausforderungen.
Ein Schulsystem ist zwar vorhanden, aber ohne jegliches Konzept. Das älteste „Kind“  ist 36 Jahre alt und geht seit über 25 Jahren auf diese Schule. Es gibt keine weiterbildenden Möglichkeiten für erwachsene behinderte Menschen in Kenia.
Generell ist die Arbeitseinstellung der Lehrer sehr fragwürdig! Sie schlafen, telefonieren oder lesen Zeitung während dem Unterricht, kommen ständig zu spät bzw. gar nicht und schlagen teilweise immer noch die Kinder, obwohl das gesetzlich verboten ist. Die Frage, die sich uns dann stellt ist, ob wir das irgendwie ändern könnten. Die Antwort lautet „Nein“, da wir jünger, „weiß“ und Frauen sind und das immer noch ein großes Problem in Kenia darstellt. Langsam emanzipieren sich Frauen in der Gesellschaft, jedoch erfordert das noch einen sehr langen Prozess. In Nairobi und Mombasa ist das schon der Fall, aber im Westen Kenias, dort wo ich lebe, gibt es das noch sehr wenig.  Das macht die Zusammenarbeit mit den Lehrern nicht immer leicht.
Abgesehen von den Lehren gibt es große Probleme im kenianischen Gesundheitssystem. Bevor man zum Arzt gehen kann, muss man eine Service-Gebühr bezahlen. Dann kann man zum Arzt gehen, der eine Diagnose feststellt. Danach muss man wieder zum „Cash-Point“ und für die anstehende Behandlung bezahlen. Erst danach wird man vom Arzt behandelt und zwischen jedem einzelnen Schritt muss man immer sehr lange warten. Das raubt uns jeden Tag aufs Neue sehr viel Energie, Geduld und Kraft.
Im April waren wir mit zwei Kindern in der Notaufnahme, da sie sich die Hand bzw. den Fuß gebrochen haben. Was wir da gesehen haben, war alles andere als schön. Das ganze „Cash-System“ gilt auch für die Notaufnahme und wenn man nicht bezahlen kann, wird man auch nicht behandelt, auch wenn man dadurch sterben könnte. Das hat Eva (meine Mitfreiwillige) und mich total schockiert. Darüber redeten wir mit einer Lehrerin und sie meinte, dass das normal sei. Für uns war bzw. ist das unvorstellbar, blutüberströmte Menschen werden einfach nicht behandelt, da sie nicht bezahlen können. Menschen werden wie Tiere behandelt und das war sehr schwer für uns zu sehen.
 
Während dem Jahr habe ich die ersten 5 Monate mit zwei deutschen und 8 dänischen Freiwilligen in einer kenianischen Gastfamilie gewohnt. Die Familie kommt aus der Mittelschicht, hat ein Haus ohne fließendes Wasser und Strom. Eine große Herausforderung, aber mit der Zeit gewöhnt man sich an alle Lebensstandards.
 Mit der Familie habe ich mich am Anfang sehr gut verstanden, doch mit der Zeit gab es immer mehr Probleme. Die Kultur spielt in Kenia eine sehr große Rolle. Diese besagt, dass die Eltern IMMER über den Kindern stehen und man darf NICHT seine Meinung sagen.
Aus diesem Grund ist die Situation eskaliert. Seitdem leben wir in einer 3-Zimmer Wohnung mit Strom und Wasser.
Trotz den negativen Eindrücken in der Familie, bin ich froh, diese Erfahrungen gemacht zu haben, da ich so sehr viel über die Kultur gelernt habe.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich meine Entscheidung nach dem Abitur für ein Jahr ins Ausland zu gehen nicht bereue. Man lernt sich selbst kennen, wächst über sich hinaus und lernt eine neue Kultur, Sprache und ein „anderes“ Leben kennen. Natürlich ist es nicht immer leicht, man hat Heimweh und man kämpft mit vielen neuen Eindrücken.
Ich empfehle allen Abiturienten nach dem Abitur nicht direkt zu studieren, sondern ins Ausland zu gehen oder ein FSJ in Deutschland zu machen.
Nach der Schule merkt man, wer seine wahren Freunde sind und hält, so gut es geht, Kontakt. Auch zu einigen Lehrern habe ich noch Verbindung: Ich brauchte zum Beispiel für meine Bewerbung ein Referenzschreiben und stehe mit machen in E-Mail-Kontakt, da sie sich für meine Erfahrungen interessieren.
Ich persönlich vermisse den Schulalltag ehrlich gesagt nicht und bin froh, nächstes Jahr mit dem Studium anzufangen. Ich werde im Sommersemester 2013 an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg Sonderschulpädagogik studieren. Den Wunsch Sonderschullehrerin zu werden, hatte ich schon vor dem Jahr und hat mich durch meinen Aufenthalt in Kisii noch mehr bestätigt.

Falls Ihr Fragen zum „Weltwärts-Jahr“ oder weitere Informationen haben möchtet, dann stehe ich gerne für Fragen zu Verfügung.  

 

Nadine Ewald, 19.09.2012