Rückblick auf das Abitur und die Zeit danach

 

 

Zwei Jahre sind vergangen, seit ich mein Abitur gemacht habe. Seitdem habe ich unglaublich viel erlebt und trotzdem fühlt es sich so an, als ob es gestern gewesen wäre, dass ich am Tag der Akademischen Feier in der großen Turnhalle saß und darauf wartete, dass meine Tutorin mich aufrief, um auf die Bühne zu gehen und mein Abiturzeugnis abzuholen.                                                   Es hat eine ziemlich gelassene Stimmung geherrscht.
Die letzte Phase der Schulzeit – insbesondere das letzte Schuljahr – war für mich mit vielen Emotionen verbunden. Ich stand kurz davor, Abitur zu machen. Die Oberstufenzeit habe ich sehr ernst genommen. Die vergangenen neun Schuljahre hatte man praktisch darauf hin gearbeitet und als es plötzlich so weit war, konnte ich es gar nicht glauben. Zuerst war das letzte Schuljahr angebrochen, dann war das erste Halbjahr vorbei und schließlich waren es nur noch 2 Monate bis zu den scheinbar wichtigsten Prüfungen der gesamten Schulzeit. Wir hatten uns alle noch Mal besser kennen gelernt, neue Freundschaften waren entstanden und das hatte man auf den Abi-Partys ausgiebig gefeiert. Doch die Zeit schien nur so an mir vorbei zu fliegen.                                                  Die Stimmung unter uns Schülern hatte umgeschlagen. Und auch bei mir machte sich plötzlich die Nervosität breit. Es gab kaum ein anderes Thema mehr als die bevorstehenden Prüfungen.
Ich hatte mich gut vorbereitet und war mir mit dem Prüfungsstoff sicher, doch die Angst vor dem Ungewissen konnte ich nicht abwerfen. Als der erste Prüfungstag angerückt war, wollte ich die Klausuren einfach nur noch hinter mich bringen. Ich sehe mich heute noch vor dem Gebäude warten, mich anschließend Zettel um Zettel über Stunden hinweg voll schreiben und dreimal in einer Woche den Prüfungsraum verlassen. Zweimal mit einem guten und einmal mit einem schlechten Gefühl. Dann war es vorbei. Die mündlichen Prüfungen, kurze Zeit später, waren nicht halb so gefühlsaufreibend.  Und als ich da nun saß und auf mein Abiturzeugnis wartete, wurde mir plötzlich bewusst, dass Abiturschreiben nicht nur heißt wichtige Prüfungen zu bestehen, sondern auch einen Lebensabschnitt zu beenden, Freunde und Bekannte hinter sich zu lassen und Abschied zu nehmen, um dann etwas Neues anzufangen. Man hatte mit so vielen Problemen gekämpft: Streitereien mit Freunden, unsympathischen Lehrern, schweren Vokabeltests und manch einer auch mit dem ersten Freund oder der ersten Freundin. Doch nichts desto trotz war die Schule immer ein Ort gewesen, an den ich gerne gegangen bin und wo ich mich aufgenommen und behütet gefühlt habe. Das alles zurück lassen zu müssen, machte mich etwas traurig.
Ich wusste noch nicht, wo ich als nächstes hingehen würde. Fest stand nur, dass ich nicht gleich an der Uni wieder lernen und Prüfungen schreiben wollte. Erst einmal ein Jahr die Welt entdecken, ohne die gewohnte Schulsituation um mich zu haben, war der Plan. Ich stand vor der Entscheidung, einen von vielen Wegen einzuschlagen. Welcher war der Richtige für mich? Dieses Gefühl drehte mir den Magen um. Doch erst einmal nahm ich stolz wie ein König mein Zeugnis entgegen und verdrängte die Zukunftsängste.

So sehr ich anschließend die freie Zeit genoss, das Gefühl, einen Plan haben zu müssen, wie es weiter geht, schlich sich ziemlich schnell wieder ein. Erzählte ich vom Abitur, interessierte es meine Verwandten und Freunde wenig, wie aufregend die Zeit und traurig der Abschied war, jeder wollte wissen, was ich mal studieren bzw. arbeiten möchte. Das ließ mein Gefühl von Freiheit ziemlich schnell wieder verfliegen. Meine Eltern bestückten mich täglich mit Heften und Büchern über die verschiedensten Unis. Ein Titel ist mir bis heute in Erinnerung geblieben: „Abi – Was dann?“.
Die Frage schien mich seit dem Zeitpunkt der Zeugnisübergabe zu verfolgen.
Ich hatte mal etwas über ein „Soziales Jahr im Ausland“ gehört und hielt das für etwas „Sinnvolles“. Denn ein Jahr abzuwarten und nichts zu tun, lag mir nicht.  Englischsprachig sollte das Land sein und zudem in Europa liegen, da ich nicht ganz so weit von zu Hause wegwollte. Organisationen, die Gastfamilien und Jobs vermitteln, hatte ich sogar schon einige Monate vor den Abiturprüfungen angeschrieben. Doch entweder die Arbeitsstelle missfiel mir oder sie war schon vergeben.   Irgendwie gelegen kam mir da, dass meine Cousine den Plan gefasst hatte, für ein Jahr „Work and Travel“ nach Australien zu fliegen. Sie fragte mich, ob ich nicht mit möchte. Sie hatte in der elften Klasse schon ein Auslandsjahr dort verbracht und das Land lieben gelernt.
Doch Reisen in ein Land, welches so weit entfernt schien, am anderen Ende der Welt, für ein ganzes Jahr, ohne meine Familie sehen zu können und mit meinem verhältnismäßig schlechtem Englisch, auf das ich dann jeden Tag angewiesen war? Das wäre mir alleine nie in den Sinn gekommen. Die Sehnsucht nach etwas Freiheit war jedoch groß und so dachte ich mir – warum nicht ausprobieren?! Schließlich hatte ich ja meine Cousine im Gepäck.
Beim Abschied am Flughafen mit Tränen verschmiertem Gesicht sah die Welt dann wieder anders aus. Der festen Überzeugung, nur ein halbes Jahr zu bleiben, stieg ich in den Flieger und flog zwei mal elf Stunden nach „Down under“, in das Land, das ich eigentlich gar nicht kannte.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit Englisch, Heimweh und der Organisation von Bus, Bahn, Unterkunft und Essen lernte ich schnell zu schätzen, wie wichtig es ist, anderes kennen zu lernen und auch mal auf sich selbst gestellt zu sein. Wir reisten vom Nordosten Australiens von Stadt zu Stadt in den Südosten mit riesigen Backpacker-Rucksäcken, die nahezu halb so schwer waren wie wir selbst. Einchecken, auspacken, neue Stadt kennen lernen, neue Leute treffen, Neues entdecken, wieder einpacken, auschecken und weiterreisen. Wir sammelten Kokosnüsse am Strand, lagen Stunden unter Palmen, durchstreiften unberührten Urwald, stiegen auf riesige Berge im Outback, fütterten Kängurus und Tiere, die ich bis heute nicht beim Namen nennen kann, saßen bis spät nachts noch mit Menschen verschiedenster Nationen im Hostel zusammen und philosophierten über Gott und die Welt.
Wenn ich heute darüber spreche, merke ich erst, wie wundervoll diese Erfahrungen klingen. Ich hatte eine der wunderschönsten Zeiten meines Lebens und die Schule und all die Probleme, mit denen man zu Hause zu kämpfen gehabt hatte, kamen mir so klein und unwichtig vor. Auf der Welt gibt es so viel zu entdecken. Neue Kulturen, neue Sprachen und fremde Menschen. Warum sich also über eine schlechte Note, einen verlorenen Kugelschreiber oder die verbrannte Suppe zu Hause aufregen?     Ich veränderte mich. Gerade weil ich so weit weg von zu Hause war, konnte ich mich selbst erst einmal besser kennen lernen. Und als sieben Monate vergangen waren, fühlte ich mich gestärkt, bereit zu entscheiden, wie es für mich anschließend weitergehen sollte. Ich hätte noch bis zu 12 Monaten in Australien bleiben können und bestimmt noch einige tolle Erlebnisse gesammelt, doch ich freute mich zu sehr auf meine Familie und Freunde und ganz nebenbei wurde das Geld auch knapp.

Das Wiedersehen war eine große Freude. Nach kürzester Zeit hatte ich mich wieder eingelebt. Alles war erstaunlicherweise immer noch so wie vor meiner Abreise. Australien schien mir leider schnell wieder viel zu weit weg. Doch voller Tatendrang setzte ich mich vor die angehäuften Unibroschüren und beschäftigte mich für einige Tage mit nichts anderem. Das Reisen in Australien hatte mir zwar nicht geholfen, eine Studienrichtung zu finden, aber das Selbstbewusstsein gegeben, diese Entscheidung mit der Sicherheit zu treffen, dass es nicht schlimm war, wenn ich mich nach einiger Zeit unwohl fühlen oder an den Prüfungen scheitern würde. Ich wollte etwas finden, was mir Spaß macht und mich fordert. Ich entschied mich für Ernährungswissenschaften. Biologie, Chemie, Mathe, BWL und Physik schien mir eine ausgewogene und interessante Mischung mit dem Hauptthema Ernährung zu sein, das dank meiner Eltern schon immer eine große Rolle in meinem Leben gespielt hatte.
Ich wollte in die Unistadt Gießen und entschied mich kurzerhand auszuziehen. Mit etwas Glück fand ich auch schnell eine WG.
Jetzt sitze ich hier in meinem neuen zu Hause und fühle mich pudelwohl. Die Uni verlangt zwar viel Arbeit und Eigenständigkeit und ist etwas ganz anderes als die Schule, aber ich habe das Gefühl am richtigen Ort zu sitzen.
Wenn ich nun auf diese letzten zwei Jahre zurückblicke, fühle ich mich, als wäre ich um einiges erwachsener geworden und muss schmunzeln, wenn ich an die ganze Aufregung und die Ängste denke, die ich damals hatte. Meinen eigenen Weg gehen, selbstständig Entscheidungen treffen und immer mal wieder zurück blicken, um das Geschehene Revue passieren zu lassen und es zu bewerten – dies ist für mich sehr wichtig.

 

Laura Döbert